Ein Vorschlag für die technologisch unterstützte Regulierung von Sexarbeit: Für mehr Sicherheit, bessere Arbeitsbedingungen und einen ethischen Umgang
von Choice - 30. Mai 2025Der jüngst im Tages-Anzeiger (https://www.tagesanzeiger.ch/sexkauf-soll-in-der-schweiz-strenger-reguliert-werden-430303781068) thematisierte Vorstoss der Frauensektion der Mitte-Partei, strengere Regulierungen im Bereich der Sexarbeit zu fordern, ist ein Schritt in die richtige Richtung – insbesondere, wenn die differenzierte Betrachtung zwischen freiwilliger Sexarbeit und ausbeuterischer Prostitution ernst genommen wird. Eine zeitgemässe Regulierung kann entscheidend zur Verbesserung der Sicherheit, der Arbeitsbedingungen und zur gesellschaftlichen Entstigmatisierung beitragen.
Selbstbestimmte Sexarbeit versus Zwangsprostitution: Eine notwendige Unterscheidung
Für eine sachliche politische Debatte ist es essenziell, zwischen selbstbestimmter Sexarbeit und Prostitution unter Zwang oder Gewaltandrohung klar zu unterscheiden. Diese Differenzierung wurde bereits 2018 in einem vielbeachteten Artikel der ZEIT (https://www.zeit.de/kultur/2018-05/feminismus-prostitution-sexarbeit-unterscheidung-streit) hervorgehoben. Während Prostitution unter Zwang ein gravierendes menschenrechtliches Problem darstellt, ist Sexarbeit für viele Menschen eine selbstgewählte Erwerbstätigkeit – oft eine unter vielen Optionen, aber dennoch eine selbstbestimmte Wahl. Dies verdient Respekt und Anerkennung, nicht Stigmatisierung.
Ein Markt, der mehr ist als Sex: Gesellschaft, Nähe und Intimität
Im Rahmen der Gründung des safety-first Plattform CHOICE wurden Gespräche mit über 732 unabhängigen online inserierenden (d.h. nicht in einem Club oder Bordell oder auf der Strasse arbeitenden) Sexarbeitenden geführt, um den tatsächlichen Bedarf und die Realität besser zu verstehen. Dabei zeigte sich, dass rund 40% aller Treffen keine sexuelle Komponente beinhalten, sondern auf Nähe, Zuwendung und nicht-sexuelle Intimität abzielen. Daraus leitet sich auch die bewusste Begriffsverwendung ab, die zwischen bezahlter Gesellschaft, Nähe, Intimität, sexueller Intimität und Sexarbeit unterscheidet. Diese differenzierte Sprache fördert nicht nur ein besseres Verständnis und den Zugang, sondern trägt aktiv zum Abbau von Vorurteilen und zur gesellschaftlichen Entstigmatisierung bei.
Wie gross ist der Markt wirklich? Die Bandbreite der Schätzungen deutet auf die Herausforderungen bei der Regulierung.
Eine der grössten Herausforderungen in der Debatte zur Sexarbeit ist ein faktenbasierter Diskurs. Dies ist unter anderem auf die mangelhafte Qualität der Statistiken zurückzuführen. Zur Veranschaulichung: Das Bundesamt für Statistik macht seit 2012 Schätzungen zur Prostitution (eine Unterscheidung zur Sexarbeit wird nicht gemacht) und Drogenhandel für die volkswirtschaftliche Buchhaltung. Dass die Marktschätzung zusammen mit Drogenhandel gemacht wird ist bereits problematisch. Selbstbestimmte Sexarbeit und bezahlte Gesellschaft, Nähe, Intimität sollten gesondert von (Zwangs) Prostitution ausgewiesen werden. Die Schätzungen belaufen sich auf jährlich um CHF 3 Milliarden, also ca. 0.5% des Bruttoinlandproduktes der Schweiz (https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/80658.pdf). Eine von Fedpol in Auftrag gegebene Studie, welche für die Hochrechnungen Zahlen von Betrieben (z.B. Bordelle und Clubs) verwendet, schätzt die Marktgrösse auf CHF 500 Millionen bis CHF 1 Milliarde basierend auf 4’741 Sexarbeit anbietenden Frauen (https://www.alexandria.unisg.ch/server/api/core/bitstreams/71d3cd38-c163-4cce-90ab-aa1b07833fbb/content). Eine Studie der Universität Genf aus dem Jahre 2009 schätzt allerdings, dass nur ca. 2% des Marktes durch Escort Agenturen abgewickelt wird. Die Studie geht von total 13’605 Sexarbeitenden in der Schweiz aus, dies entspräche also 0.02 * 13’605 = 272 Escorts (https://www.unige.ch/sciences-societe/socio/application/files/6014/2246/0095/sociograph_7_final.pdf). Beide Studien vernachlässigen allerdings den Sektor der Onlineinserate, bei dem Sexarbeitende online ein Inserat mit üblicherweise Fotos, Text und Telefonnummer aufschalten und für diese Art von Werbung bezahlen. Eine von uns angefertigte Analyse des Marktes für Online Inserate in der Schweiz hat ergeben, dass auf den 3 grössten Plattformen täglich im Zeitraum zwischen 9. Mai 2024 bis 8. Mai 2025 zwischen 5’500 und 6’500 unterschiedliche Inserate (bereinigt um Duplikate) online gewesen sind. Wenn man diese Zahlen der total geschätzten Anzahl Sexarbeitenden der beiden Studien gegenüberlegt, stellt man fest, dass die digitale Vermittlung von Sexarbeit ein beachtlicher Bestandteil des Marktes ist, welcher in den Studien vernachlässigt oder nicht umfassend berücksichtigt wurde, allenfalls aber in der Schätzung des Bundesamtes für Statistik beinhaltet ist.
Plattformregulierung statt nur Marktregulierung: Verantwortung dorthin verlagern, wo sie wirkt
Wenn man basierend von den oben beschriebenen Studien davon ausgeht, dass sich in etwa ein Drittel des Marktes für Sexarbeit über die digitale Vermittlung abwickelt und man der Schätzung des Bundesamtes für Statistik von CHF 3 Milliarden Glauben schenken möchte, so wäre der online vermittelte Teil des Markets mit CHF 1 Milliarde zu beziffern. Während physische Einrichtungen wie Clubs oder Bordelle gewissen Auflagen unterliegen, herrscht auf Inserateplattformen ein Zustand des „Wilden Westens“. Täglich wechselnde Inserate und fehlende Kontrolle und Verifizierung sorgen für erhebliche Sicherheitsrisiken für Anbietende und Kundschaft. Dass in Zürich etwa Flugblätter als Präventionsmassnahme gegen gewalttätige Freier bei den Sexboxen ausgehängt werden, erscheint angesichts dieser Realitäten völlig unzureichend.
Digitale Plattformen müssen in die Pflicht genommen werden, wenn es um Sicherheit, Schutz und Transparenz geht. Dies umfasst sowohl den Identitätsnachweis mittels offizieller Ausweise und Selfies als auch standardisierte Interviews zur Feststellung der Selbstbestimmtheit sowie eine enge Zusammenarbeit für die Meldung bei Verdachtsfällen von Menschenhandel oder Zwangsprostitution. Plattformen wie CHOICE zeigen, dass technologische Lösungen bereitstehen, um ethische Standards durchzusetzen.
Neue Technologien ermöglichen echte Fortschritte – wenn man sie nutzt
CHOICE implementiert bereits heute Funktionen, die für eine moderne Regulierung richtungsweisend sein können:
- Identitäts- und Altersverifikation für Anbietende und Kundschaft mittels Software, welche auch von Finanzinstituten eingesetzt wird.
- Verhaltensrichtlinien (CHOICE Code), deren Einhaltung nach jedem Treffen bestätigt werden muss.
- Digitale Sicherheitsmechanismen: Keine Telefonnummern, sondern Gerätebindung, blockierbare Nutzerprofile, Meldemöglichkeiten direkt aus dem Chat.
- Zahlungsabwicklung (Escrow) zur Vermeidung von Preisverhandlungen oder „Boundary Pushing“.
- Vergütung administrativer Arbeit der Anbietenden, wie Chat-Kommunikation.
- Unsichtbare Wasserzeichen auf Bildern und Videos zur Rückverfolgung bei unerlaubter Weiterverbreitung (Stichwort NCII – non-consensual intimate imagery).
Zudem wäre es sinnvoll, eine gesetzlich geregelte, zentrale Meldestelle zu schaffen, an die Plattformen oder auch Nutzer*innen Hinweise auf Missbrauch oder Zwang melden können – vertraulich und sensibel, aber mit klaren rechtlichen Grundlagen.
Fazit: Regulierung als Chance für alle
Eine moderne Regulierung der Sexarbeit als Teil des Marktes für bezahlte Gesellschaft, die auf Transparenz, Technologie, Differenzierung und Dialog basiert, schützt nicht nur die Anbieter*innen, sondern auch die Kundschaft. Sie schafft faire Arbeitsbedingungen, wirkt ausbeuterischen Strukturen entgegen und fördert ein realistisches und entstigmatisiertes Bild von bezahlter Gesellschaft und Intimität.
Die Politik hat jetzt die Möglichkeit, Standards zu setzen, die sich an der Realität orientieren – nicht an ideologischen Grabenkämpfen. Plattformen wie CHOICE stehen bereit, um mit Know-how und Technologie einen aktiven Beitrag zu leisten. Die gesetzliche Grundlage dafür muss jedoch geschaffen werden – im Interesse aller Beteiligten.
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